Konzertreisen

Russian Woodstock

Zwei Konzertreisen führten uns 1994 und 1995 nach Russland.

 

Die Reisen in das sich im Umbruch befindlichen Land sowie die Konzerte und Auftritte, v.a. auf dem Gruschin-Festival vor fast 70.000 Zuhörern, wurden zu den ersten großen Abenteuern unseres Orchesters.

 

Russland befand sich 1993 mitten im Umbruch, in der völligen Umorientierung und Abkehr von den Ursprüngen der UdSSR. Genau in dieser spannenden und dynamischen Phase entschloss sich der Kreisjugendring Augsburg (KJR) für eine Vertiefung der Beziehungen zwischen der Jugendunion der Stadt Samara und den Jugendverbänden aus dem Kreis Augsburg. Im September 1993 begaben sich Sabine Priegl vom KJR sowie Andreas Landau als Vertreter der Gersthofer Blasharmoniker und der djo – Deutsche Jugend in Europa – auf den Weg nach Russland. Aus dieser Fahrt und einem Treffen mit dem Hauptorganisator des Gruschin-Festivals Boris Kejlman in Köln entwickelte sich die Idee, dass die djo mit einer ihrer Kulturgruppen (in diesem Fall mit uns) am Gruschin-Festival in Samara an der Wolga teilnehmen könnte.

 

Das Festival ist eine jährlich wiederkehrende Veranstaltung in den Wolga-Auen – mit damals ca. 70.000 Besuchern. Das Festival trägt den Beinamen „Woodstock der russischen Liedermacher“. Von 1980 bis 1985 war das Festival verboten und blühte erst mit Beginn der Perestroika wieder auf. Der Besuch der Gersthofer Blasharmoniker im Juli 1994 war in jeder Hinsicht ein absolutes Novum: Wir traten als erste ausländische Musikgruppe und sowieso als erste Blasmusikformation dort auf. Und für uns war es die erste Auslandsreise als Blasorchester überhaupt. Damals waren wir zudem eine der ersten Gruppen aus dem Landkreis Augsburg, die einen Austausch mit Russland anfingen. Die unsichere politische und wirtschaftliche Situation machte die gesamte Reise zu einem großen Abenteuer.

 

Unsere Reise nach Russland begann am 26. Juni 1994 mit dem Flug mit Aeroflot von München nach Moskau. Dort konnten wir den ersten Tag für die Besichtigung des Roten Platzes und des Kremls nutzen. Schon am nächsten Tag ging es weiter nach Samara – wieder mit dem Flugzeug. Dort wurden wir im Studentenwohnheim der Aerokosmischen Universität untergebracht. Die Weltraum-Programme der Sowjetunion wurden genau dort entwickelt. Während unserer gesamten Russlandreise wurden wir von den Dolmetscherinnen Julija, Tatjana und Irina von der Germanistik-Fakultät unterstützt, die zu unseren Freunden wurden und zu denen der Kontakt noch Jahre danach erhalten blieb.

 

Ein besonderes Highlight war unser Konzert in einem Jugendferienlager der Samara-Jugendunion, etwa 80 Kilometer von Samara entfernt. Mit unserer Musik und einem Schuhplattler-Schnellkurs von Armin Hoppmann fanden wir im Handumdrehen 170 junge Freunde.

 

Mit dem Zug ging es weiter zum Festival. Der erste Blick von den Schiguli-Bergen aus über das Gelände war beeindruckend: Zwischen zwei Seitenarmen der Wolga stand der Rauch der vielen Lagerfeuer über den Waldlichtungen. Leider  wurde die Freude durch die heftigen Regenfälle am Ankunftstag getrübt. Wir mussten mit unserem Gepäck über einen rutschigen Berghang zur Ebene absteigen und standen dort knietief im Schlamm. Statt der erwarteten Zelte oder Hütten hatten wir nur ein paar Bündel olivfarbener Baumwollplanen und Plastikfolien als Regenschutz zur Verfügung. Also hieß es „in die Hände spucken“ und als Erstes im Wald Zeltstangen anfertigen. Danach wurden Bänke und Tische gezimmert sowie für ausreichend Brennholz zum Kochen gesorgt. Unsere Instrumente kamen erst am späten Abend in einem  Armeelaster nach – andere Fahrzeuge hatten im Schlamm keine Chance. Die Wasserversorgung war ebenfalls sehr abenteuerlich: Für einen Kanister Trinkwasser mussten wir teilweise Wartezeiten von bis zu zwei Stunden einplanen. Schnell hatten wir die Logistik umgestellt und das Trinkwasser überwiegend in der Nacht organisiert. Waschen? Wir badeten in der Wolga. Letztlich hat uns gerade dieses Lagerleben mit seinen erschwerten Bedingungen zusammengeschweißt.

 

Alle Schwierigkeiten waren vergessen, sobald wir uns für die Auftritte jeweils auf einer der Nebenbühnen einfanden. Als erste und einzige Blaskapelle boten wir einen echten Kontrast zu den Gitarre spielenden Liedermachern. Damit waren wir auch Thema in den Russischen Zeitungen: „Die Gitarristen bekommen Konkurrenz! (…) Die Musikanten spielten wirklich übermütig.“ So konnten wir uns für den Top-Act am Abschlussabend qualifizieren. Eine große auf der Wolga schwimmende Gitarre war die große Bühne der Gersthofer Blasharmoniker am 3. Juli 1994. Hier konnten wir mit „Rock-Opening“ und „The Saint´s Hallelujah“ vor 70.000 Zuhörern für Begeisterungsstürme sorgen. Als wir diese Bühne betraten, stand den Veranstaltern mit Sicherheit der Schweiß auf der Stirn. Die Bühne drohte einfach unterzugehen. Üblicherweise war die Bühne für Gruppen von maximal zehn Personen ausgelegt und nicht für ein doppelt so starkes Blasorchester. Tief bewegt von den hochgehaltenen Feuerzeugen der Zuhörer, die den Berg an der Wolga mit ungezählten Lichtpunkten schmückten, und von den Jubelschreien der Besucher standen wir mit Tränen in den Augen auf der Bühne.

 

Im Vergleich zu diesem emotionalen Moment verblassen die Eindrücke von unserer Heimreise: Wie wir am Abend Abschied nehmen mussten von unseren neu gewonnenen Freunden; wie wir am nächsten Tag in einem alten, klapprigen Bus zurück nach Samara gebracht wurden – bergauf laufend, da der Motor versagte; wie wir nach dem langen Flug mit Zwischenstation in Moskau schließlich mit russischen Spinnen im Gepäck und nach Lagerfeuer-Rauch stinkend wieder zu Hause ankamen.

 

Diese intensiven Eindrücke waren der Auslöser für eine zweite Russlandfahrt vom 25. Juni bis 4. Juli 1995, bei der wir diesmal bei schönstem Wetter und mit der im Vorjahr erworbenen Erfahrung sowie besserer Ausrüstung wieder am Gruschin-Festival teilnahmen.

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